Enwie Kej – Mit seinem Album Kreise stürmt er aus dem Stand auf Platz 2 der Offiziellen Deutschen Album-Charts. Auf einem Zwischenstopp in Frankfurt hat sich Johannes Oerding Zeit für ein Gespräch mit DER VINYLIST genommen.

Glückwunsch zum neuen Album, momentan läuft es ja richtig gut bei dir. Du bist zufrieden?

JOHANNES: Ja, ich bin sehr zufrieden. Natürlich wäre es schön gewesen, auf der #1 einzusteigen, aber sich hinter den Toten Hosen einzureihen, ist schon in Ordnung. Eigentlich ist das auch ein schönes Signal für mich, wenn ich sehe, wie eine Band über viele Jahre hinweg mit einer riesigen Fanbase immer noch Qualität abliefern kann. Ganz ehrlich, blöd wäre gewesen, wenn ich so auf Platz 5 eingestiegen wäre.

Hast du dann einfach eine Woche zu früh veröffentlicht?

JOHANNES: Nein, die Woche drauf hat ja Helene Fischer veröffentlicht und dann wird sie sicher eine Weile die #1 in Beschlag nehmen.

Aber auch mit deinen vorherigen Alben bist du nach wie vor erfolgreich.

JOHANNES: Das ist einfach toll. Wenn den Leuten ein Song von mir so gut gefällt, dass sie dann auch noch schauen, was „dieser Oerding“ sonst noch so gemacht hat. So werden auch immer noch frühere Alben gekauft. Offenbar sind diese in gewisser Weise zeitlos und kommen immer noch an. Das gibt mir ein schönes Gefühl.

KREISE ist jetzt das erste Album, was auch in der Vinyl-Version erschienen ist.

JOHANNES: Vinyl hat sich in den letzten Jahren wieder etabliert, gerade auch unter Sammlern und „Haptik-Liebhabern“. Vinyl bietet aber auch die Möglichkeit der Musik wieder eine gewisse Wertigkeit zu geben. Gerade durch Streaming, mp3 usw. leidet diese Wertigkeit ziemlich. Ich glaube übrigens, dass es in 5 Jahren keine Downloads mehr geben wird, nur noch Streaming. Und dann ist es schön, wenn man über Platten aber auch CDs oder Fanboxen etwas Besonderes anbieten kann. Wenn es nach mir ginge, würde ich nur CDs machen.

Bei deinem neuen Album ist mir besonders der Titel „Zieh dich aus“, versteckt auf der B-Seite der zweiten Scheibe, aufgefallen. Was hat es damit auf sich?

JOHANNES: Ich bin ein großer Prince-Fan und das ist meine Hommage an ihn. Ich liebe diese Funky-Nummern wie 1999 oder Head, ein sehr verruchter Song, der mich zu Zieh Dich Aus inspiriert hat. Die Zeilen dazu hatte ich schon im Kopf, brauchte aber noch eine sexy Musik dazu – Funk und Soul passt dafür einfach ziemlich gut. Der Titel ist tatsächlich ein Ausreißer, aber mir gefiel der einfach so gut. Ich möchte auf diesem Album alle meine Facetten zeigen und nicht nur auf den „Balladen-Barden“ reduziert werden. Mein Focus ist weiter. Aber jeder, der mich schon mal live gesehen hat, der weiß das auch. Vielleicht ist das auf den vergangenen Alben nie so deutlich geworden, aber auf Kreise habe ich mehr von meiner Vielfältigkeit gezeigt.

Mal ein ganz anderes Thema: Der ESC lief wieder nicht ganz so gut für uns. Kann ich da gratulieren, dass du noch nie nominiert wurdest?

JOHANNES: Ich bin schon oft gefragt worden, ob ich beim Vorentscheid mitmachen möchte. 2010 saß ich sogar mit Mary Roos und Hape Kerkeling in der Jury. Und als Lena dann gewonnen hat war das ein riesiger Hype. Ich war damals in Oslo und das war eine tolle Zeit. Aber: Der ESC ist auch ein großer Zirkus, mit viel TamTam, ein bisschen schrullig und auch Verblendung. Zudem wird die Veranstaltung immer politischer, ich meine, so „komisch“ politisch. Deutschland hat da kaum noch eine Chance, weil andere Länder uns gegenüber ein Statement abgeben. „Die haben ja eh schon genug, jetzt sind wir mal dran“. Das wertet den ESC in meinen Augen insgesamt ab.

Was müsste man aus deutscher Sicht anders oder besser machen, um erfolgreicher zu sein?

JOHANNES: Wenn man denn teilnehmen möchte, dann muss man antizyklisch denken. Die Gewinnersongs der letzten Zeit waren immer besonders, keine Songs für die Massen. Diesmal war es eben die kleine jazzige Ballade. Eines ist klar, allein mit Powerballaden, Eurodance und gutem Aussehen wird es schwierig. Davon abgesehen finde ich es insgesamt schwer, Musik zu vergleichen.

Du selbst hast bereits mit vielen bekannten Künstlern auf der Bühne gestanden (Simply Red, Joe Cocker, Scorpions …). In letzter Zeit auch häufiger mit Udo Lindenberg. Gibt es da eine besondere Verbindung?

JOHANNES: Ja, das würde ich schon so sagen. Udo ist der, mit dem ich am engsten befreundet bin. Er verfolgt meinen Weg schon länger und wir wollten immer gerne mal was gemeinsam machen. Nun hat das mit der Single Einer Muss Den Job Ja Machen endlich geklappt. Udo ist einfach sehr interessiert an jungen Künstlern und wenn er Qualität erkennt, unterstützt er diese auch gerne, einfach schön. Udo ist ein richtig guter Typ.

Mit wem würdest du darüber hinaus gerne mal auf der Bühne stehen?

JOHANNES: Vor 15 Jahren hätte ich Jamiroquai gesagt, heute gefallen mir auch Bruno Mars, Ed Sheeran oder Sting. Auch mit Pink könnte ich mir gut ein Gitarren-Duett vorstellen. Pink hat für mich so eine Aura, so eine Haltung –  die schafft es ganz allein mit ihrer Stimme, etwas in mir auszulösen.

Wie funktioniert das zu hause bei Ina Müller und dir, wenn ihr beide an euren Alben arbeitet? Inspiriert ihr euch gegenseitig oder wird Beruf und Privatleben strikt getrennt?

JOHANNES: An ihrem Album habe ich aktiv mitgearbeitet. Wir spielen uns gegenseitig immer alles vor – Ina ist da für mich die erste Instanz. Ihr Feedback ist mir sehr wichtig. Dann sitzen wir am Küchentisch. Klar, da gibt es dann auch unterschiedliche Meinungen, aber am Ende entscheidet natürlich immer der Künstler. Sicher ist es nicht leicht, gerade von seinem Partner Kritik zu erfahren, und dann reagiere ich auch mal emotional. Das mußte ich auch lernen, aber natürlich möchte Ina mich damit unterstützen. Sie ist einfach wahnsinnig talentiert und hat feine Antennen gerade auch für inhaltliche Dinge und deshalb ist mir ihre Meinung so wichtig. Die Grundvoraussetzung aber ist, dass wir nicht zusammen wohnen. Das haben wir bewusst so entschieden und wir machen das gerne so. Neben Ina`s fachlicher Meinung hole ich dann immer noch die Meinung von 3-4 meiner besten Freunde ein und dann ergibt sich für mich ein gutes Bild.

Du hast dir das Rauchen abgewöhnt? Bist du noch standhaft?

JOHANNES: Ja, seit knapp 6 Monaten halte ich jetzt durch und es klappt erstaunlich gut. Schwer wird es vor allem  abends in geselliger Runde. Einen Trick hatte ich nicht. In den schweren ersten Wochen habe ich einfach Situationen vermieden, in denen ich gerne geraucht hätte. Ich habe statt dessen viel Sport getrieben. Wenn ich heute Schmacht habe, gönne ich mir etwas leckeres zu Essen und belohne mich so.

In einem deiner letzten Interviews hast du aus Spaß Senseo-Pads erwähnt. Ist da vielleicht von Senseo schon mal einer auf dich zu gekommen?

JOHANNES: Nein, das nicht. Aber es ist schon erstaunlich, was das manchmal für eine Wirkung hat, wenn ich zufällig ein Produkt nenne. Ich habe mal eine große Packung Ingwer-Bonbons geschickt bekommen, nur weil ich mal gesagt habe, das ich die gerne esse.

Würdest du denn generell Werbung machen?

JOHANNES: Ich bekomme in der Tat gerade einige Angebote von Autoherstellern oder für Bier und JunkFood. Da habe ich mich selbst fragen müssen, wie und ob ich dazu stehen kann. Und mein Bauch hat mir gesagt, dass es sich für mich nicht gut anfühlt, als Musiker Werbung zu machen. Ich möchte mich ungern an eine Marke binden. Allerdings – wenn man einen passenden Song hat und sich nicht verbiegen muss, dann könnte das funktionieren. Aber eigentlich nicht.

Fotomontage: Johnny von der Leyen. Quelle: instagram.com/johannesoerding
Fotomontage: Johnny von der Leyen. Quelle: instagram.com/johannesoerding

Thema soziale Medien: Wie stehst du dazu? Fluch oder Segen?

JOHANNES: Für mich gibt es da eine ganz klare Grenze. Ich poste auf Facebook und Instagram nur Dinge, die den Künstler Johannes Oerding betreffen. Privates hat da nichts zu suchen. Als Künstler kommst du da auch nicht mehr drum herum. Aber auch die Medien lernen, damit um zu gehen. In vielen Radiostationen läuft z.B. oft schon der Facebook-Livestream, wenn ich das Studio betrete. Das gehört in der Unterhaltungsbranche mittlerweile dazu. Im privaten Bereich sehe ich auch Schwierigkeiten. Kinder und Jugendliche werden ja fast schon gezwungen ein Profil zu haben, wenn sie nicht als Außenseiter dastehen wollen. Und dann werden da oft nur die Highlights gepostet und jeder zeigt, was er für ein tolles Leben hat. So kann ganz schön Druck aufgebaut werden. Da müssen wir als Gesellschaft gut aufpassen und genau hinschauen, denn die Digitalisierung ist in vollem Gange. Seit dem neuen Album habe ich neben meinem Facebook-Account auch einen Insta-Account, in dem ich selbst poste. Da mache ich dann auch gerne lustige Sachen, wie die Photomontage eines Fans, die mich in von-der-Leyen-Frisur zeigt.

Johannes, vielen Dank für deine Zeit und weiterhin viel Erfolg!

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