Judith Klein – Wir schreiben den 20.11.2023 – es ist ein ganz gewöhnlicher Montagabend um 20:30h im Musiktheater REX in Bensheim – aber: It is the place to be! NAZARETH, eine der international erfolgreichsten Bands Schottlands, ist im Haus. Wir waren dabei und haben begeistert 16 Songs aus ihrem riesigen Repertoire gelauscht.

Video: Nazareth im Rex

Kulturdenkmal Güterhalle

Das Musiktheater REX in Bensheim wirbt damit, eine Veranstaltungslocation zu sein, die „fern ab von Massenveranstaltungen“ weilt und somit eine „intime Nähe zu ihrer Bühne sowie zu den Künstlern“ bietet. Die ehemalige Güterhalle hat Platz für rund 600 Konzert-Besucher und wer Künstler-nahe Konzerte erleben möchte, hat das REX sowieso schon längst auf dem Zettel. Wer hier noch nicht gewesen ist, sollte sich unbedingt mit dem Programm vertraut machen, denn ein Abend dort lohnt auf alle Fälle: kurze Wege, familiäre Atmosphäre, Stehtische teilweise mit Barhockern, freundlicher Service am Platz! Ja, richtig gelesen: Hier bekommt Ihr euer Getränk auch gebracht, in Gläsern ausgeschenkt wohlgemerkt. Ein Abend im REX macht unabhängig vom Programm schon aufgrund dieser Features richtig gute Laune. Neben vielen tollen Tribute-Acts geben sich außerdem auch Original-Highlights die Ehre, so wie an besagtem Montagabend Nazareth.

THE GROUND SHAKER eröffnen den Abend

Zugegeben, meine Meinung zu Support-Acts ist grundsätzlich ambivalent. Natürlich erhält man so die Chance, auch mal weniger bekannte Bands zu entdecken, aber insbesondere im rockigeren Konzertgenre ist der Grat zwischen „Wow, genial!“ und „Ist das noch Musik oder einfach nur lautes Geräusch?“ recht schmal. Was dürfen wir also erwarten? Mit The Ground Shaker startet eine Kombo aus der Schweiz (Giro Reign – Vocals, Gitarre, Dav Elgins – Gitarre, Vortex Ram – Bass, Bat Ducoras – Drums), die uns eine Auswahl ihres Albums Rogue Asylum präsentiert. Die Stücke haben einen recht harten, schweren Gitarrensound und kommen sehr druckvoll rüber. Möglicherweise ist das an diesem Abend aber „way too much“ – irgendwie will der Funke bei mir einfach nicht überspringen. Dass ich der Band ein Stück weit damit Unrecht tue, merke ich jedoch, als ich die Setlist noch einmal streame, während ich diesen Konzertbericht verfasse. Okay, nicht alle Titel treffen meinen Geschmack, gleichwohl zeigen die Songs I wonder why, Ride on me und 88 Strong as a Lion, dass man sich mit der Band auseinandersetzen sollte – insbesondere, wenn man auf Musik von Bands wie The Offspring, Soundgarden und 3 Doors Down steht.

Setlist The Ground Shaker

  1. Dragon in the sky
  2. Onna Bugeisha
  3. Lone wolf
  4. I wonder why
  5. Mask of insanity
  6. A world which only I can see
  7. Ride on me
  8. 88 strong as a lion

Mit den SONS OF SOUND Richtung Haupt-Act

Mit Sons Of Sounds kommt der zweite Support-Act des Abends auf die Bühne und damit eine interessante Kombo um den energiegeladenen Frontmann Roman Beselt. Sein Markenzeichen ist unverkennbar seine markante, ihm eigene Stimme, die in den Höhen geradezu brilliert. Der Musikstil ist dem Progressive-Rock zuzuordnen und erinnert stellenweise an Iron Maiden. Ursprünglich aus Sibirien stammend bilden die drei Brüder Roman, Wayne und Hubert „H“ Beselt die Originalbesetzung, erst seit 2021 vervollständigt der Bassist, Marc Maurer, die Band. Sons Of Sounds haben gerade ihr siebtes Album Seven mit sieben Titeln veröffentlicht, die genau in dieser Reihenfolge die Setlist des Abends bilden. Die Songs sind absolut vielfältig und abwechslungsreich, dabei gleicht keiner dem anderen. Selbst innerhalb der Songs gibt es ein Wechselspiel im Tempo und im Setting. Meine persönlichen Favoriten Sound of hope, Ghost und Diamond.

Setlist Sons of Sounds

  1. Sound of hope
  2. Alive
  3. Ghost
  4. My name
  5. Diamond
  6. Valley oft the damned
  7. End of the road

Und dann ist es endlich soweit: Nazareth is on the stage!

Zu Beginn erklingt ein schottisch anmutendes, instrumentales Intro mit Dudelsack-Klängen, was entfernt an das bekannte musikalische Klangthema von Belfast Child der anderen berühmten schottischen Band, Simple Minds, erinnert. Nazareth präsentiert mit Miss Misery den ersten Song des Abends, wechselt dann recht schnell ohne langes Brimborium über Razamanaz zu Shanghai’d in Shanghai, bevor überhaupt das erste Wort an das Publikum gerichtet wird. Der Sound der Band Nazareth war unter anderem durch die unverkennbare Stimme Dan McCaffertys geprägt. Daher war ich gespannt, wie Carl Sentance, der seit 2015 der Frontman der Band ist, die Songs performt und interpretiert. Um es gleich vorwegzunehmen: einfach genial! Carl Sentances Stimme hat einen ausdruckvollen, starken Klang mit einer unfassbaren Range. Er bringt seine Persönlichkeit mit ein, macht somit die Songs zu seinen eigenen und dennoch ist es unverkennbar Nazareth. Mit Carl Sentances stehen Jimmy Murrison (Dienstältester Gitarrist), Lee Agnew (Drums) und Pete Agnew (Bass, Gründungsmitglied) auf der Bühne.

Nach Love leads to madness greift sich der Sänger eine Akustik-Gitarre und erzählt stolz, dass diese einmal dem legendären Queen-Gitarristen, Brian May, gehörte, was sich wortwörtlich so anhört: „Can you believe it? Brian May from Queen owed this f***ing guitar!“. Und damit stimmt Nazareth den etwas ruhigeren Song Sunshine an. Dabei gehen Lead- und Backing-Vocals sowie die akustischen Klänge direkt unter die Haut. Munter und vielfältig geht es weiter. Zahlreiche Songs aus dem breitgefächerten Repertoire wechseln sich genauso ab, wie die unterschiedlichen Stilrichtungen: Blues Rock, Classic Rock, Hard Rock, Glam Metal, Soft Rock – Nazareth lässt sich nicht in eine Schublade pressen. Die Abwechslung macht den Abend jedoch kurzweilig und die Zeit vergeht viel zu schnell. Spätestens bei den Songs Hair of the dog und Love hurts ist klar, dass der Konzertabend schon so gut wie vorbei ist. Und tatsächlich verlässt Nazareth nach Morning Drew zunächst die Bühne.

Natürlich verlangt das Publikum lautstark eine Zugabe, was die Band mit drei weitern Nazareth-Klassikern Broken down angel, Dream on und This flight tonight erfüllt, bevor sie sich endgültig vom Publikum verabschiedet. Die drei Songs zum Schluss sind eine perfekte Krönung eines gelungenen rockigen Montagabends.

Es ist schon erstaunlich, dass man während der Show vergisst, dass die Songs bis zu einem halben Jahrhundert alt und die Musiker mindestens genauso beziehungsweise fast so lange im Business sind. Natürlich ist klar, dass die Songs teilweise tiefer als im Original arrangiert sind. Das stört aber nicht wirklich, denn zum einen machen das inzwischen viele, weil sie live die ursprüngliche Höhe nicht oder nicht mehr erreichen und zum anderen ist das genau die Range, in der sich der Nazareth-Frontman wohl fühlt und somit glänzen kann. Nur bei Love hurts gibt es von mir einen kleinen Punktabzug in der B-Note, weil das tiefere Arrangement ein Stück weit Dramatik und Leidenschaft einbüßt. Ja, ich weiß, dass der Song ein Cover ist und ursprünglich von den Everly Brothers stammt. Dennoch verbindet man die legendäre Power-Rockballade doch unweigerlich mit Nazareth. Und ich wage zu behaupten, dass jeder, der schon mal unter heftigstem Liebeskummer gelitten hat, sicherlich nicht die Version der Everly Brothers rauf- und runtergenudelt hat, um sich seinem Schmerz und seiner Sehnsucht zu ergeben. Also, mein inneres Glam-Rock-Mädchen vermisst daher bei diesem Song jenes Gefühl. Aber hey, es ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

Fazit NAZARETH

Wer die Chance hat, Nazareth live zu erleben, sollte sie unbedingt nutzen. Ihr erlebt auf alle Fälle einen wunderbaren Abend mit klarem, echtem Rock, der die Vibes der 70er und 80er Jahre und das Gefühl, „wild and free again“ zu sein, auf hervorragende Weise transportiert.

Setlist Nazareth

  1. Intro
  2. Miss Misery
  3. Razamanaz
  4. Shanghai’d in Shanghai
  5. Love leads to madness
  6. Sunshine
  7. Holiday
  8. Cocaine
  9. Turn on your receiver
  10. Beggars day
  11. Changing times
  12. Hair of the dog
  13. Love hurts
  14. Morning Drew

Encore

  1. Broken down angel
  2. Dream on
  3. This flight tonight