Judith Klein – Geoff Tate, Gründungsmitglied und ehemaliger Sänger der Progressive-Metal-Band Queensrÿche, gastierte im Rahmen seiner „Big Rock Show Tour 2024“ im Bensheimer Musiktheater REX und performte 14 Songs aus seiner Zeit als Queensrÿche-Leadsänger.

Okay, ich oute mich an der Stelle, dass mir Geoff Tate vorrangig aus Tobias Sammets All-Star-Projekt Avantasia bekannt ist und weniger aus den erfolgreichen Zeiten der Band Queensrÿche. Progressive-Metal hatte ich in meinen jungen Teenager-Jahren einfach noch nicht für mich entdeckt. So kommt es also, dass ich mir wirklich eine Konzertkarte gekauft habe, weil mich in erster Linie die Stimme eines Sängers fasziniert und begeistert. Mehr oder weniger unvorbereitet war ich sehr gespannt, was der Abend so bringen sollte.

Support-Act No.1: Josh Watts

Der Einlass ins Musiktheater REX ist noch in vollem Gange, als der erste Support-Act, Josh Watts, nur mit seiner schwarz-glänzenden Gitarre die Bühne betritt und völlig unprätentiös ankündigt, dass er jetzt mit seinem Akustik-Programm startet.

Josh Watts im Bensheimer REX (c) Judith Klein

Josh Watts ist ein ehemaliger Drummer von Queensrÿche und hat sein eigenes Soloprojekt Ivory Lake. Heute jedoch ohne Band geht es bereits kurz nach 19 Uhr los und der Singer-Songwriter liefert ein halbstündiges Akustik-Programm mit abwechslungsreichen Songs – ein wunderschöner Einstieg in einen musikalischen Abend mit einer Gesangsstimme, die mich direkt anspricht. Dabei wird mir klar: ihn habe ich sicherlich nicht zum letzten Mal gehört bzw. gesehen. Die erste Überraschung des Abends und auf alle Fälle eine Empfehlung, für alle, die die Gelegenheit haben, Josh Watts zu erleben.

Wiedersehen mit Sons of Sounds

Mit dem zweiten Support-Act treffen wir sozusagen auf alte Bekannte: Sons of Sounds gastierten bereits vor rund einem Jahr als Support-Act für Nazareth – ebenfalls im Bensheimer Musiktheater REX und waren mir noch in bester Erinnerung.

Letztes Jahr noch zu viert stehen dieses Mal ausschließlich die drei aus Sibirien stammenden Beselt-Brüder auf der Bühne: „H“ Hubert (drums), Wayne (guitars) und Roman (vocals, bass). Auch wenn der energiegeladene Frontmann mit seinem Bass nun konsequenterweise deutlich weniger über die Bühne fegen kann als im letzten Jahr noch ohne Instrument, tut das der Musik keinen Abbruch. Der Leadsänger nimmt das Publikum vor allem mit seiner kraftvollen Stimme ein und die Songs leben von seiner unglaublichen Range und den hohen, brillierenden Tönen.

Die Setlist ist bunt gemischt, dabei stammen fünf der neun Songs aus dem letzten Album „Seven“ aus 2023. Ich stelle fest, dass meine Begeisterung, die ich schon beim letzten Aufeinandertreffen verspürt habe, keine Eintagsfliege war, sondern mich die Kombo auch dieses Mal wieder packt.

Gegen Ende des Acts verrät uns Roman, dass deren Mutter Geburtstag hat und wir performen daher gemeinsam mit der Band „Happy Birthday“ für eine Videobotschaft. Ganz im Sinne von „nicht immer schön, dafür aber einzigartig“ stimmt das Publikum voller Inbrunst mit in den Gesang ein und wir hoffen alle, dass der Videogruß der Beschenkten ebenso ein Lächeln ins Gesicht zaubert wie uns beim Produzieren desselbigen.

Geoff Tate bringt Queensrÿche-Songs auf die Bühne

Dann ist es soweit und der Hauptact des Abends entert die Stage. Geoff Tate eröffnet den Abend mit „Empire“ aus dem gleichnamigen Queensrÿche-Album und legt direkt los. Kommerziell betrachtet ist „Empire“ (1990) das erfolgreichste Album. Der eigentliche Durchbruch gelang der Band jedoch mit Operation: Mindcrime (1988) – da sind sich Fans und Kritiker einig.

Wir erleben im Übrigen an diesem Abend ausschließlich Queensrÿche Songs aus den Alben, die zwischen 1984 und 2003 erschienen sind. Dabei ist „Dessert Dance“ der einzige Song aus dem 2003er Album „Tribe“ und damit so ziemlich das Neueste, was Geoff Tate überhaupt im Gepäck dabeihat. Alle anderen Songs stammen – so verrückt das auch klingen mag – noch aus dem letzten Jahrhundert.

Geoff Tates „Wunderwaffe“ und seine USP ist auf alle Fälle seine Stimme, die nicht umsonst zu den besten Metal-Stimmen der Welt zählt. Stimmfarbe, Klang und Stimmumfang sind einfach unfassbar und zugegebenermaßen kann man beim Zuhören schon mal vergessen, dass der Mann immerhin 65 Jahre alt ist. Eigentlich kaum zu begreifen, was Geoff Tate mit seinen Stimmbändern anstellt. Daher ist es ein wenig schade, dass mich der Sound an diesem Abend im Musiktheater REX nicht völlig überzeugt. Von Josh Watts‘ Akustik-Show einmal abgesehen, ist es viel zu laut und zu übersteuert. Da ich hier schon einige Konzerte erlebt habe, weiß ich, dass es auch deutlich anders und besser geht. Mit „Operation Mindcrime“, “Breaking the Silence” und “I don’t believe in Love” spielt die Band drei Songs aus dem 1988 erschienenen Album „Operation: Mindcrime“ bevor es mit „NM 156“ aus „The Warning“ (1984) und zwei Song aus „Rage for Order“ (1986) „Streaming in Digital“ und „Walk in the Shadows“ weiter geht.

Nach “Another Rainy Night without You” und “Jet City Woman” aus dem Album „Empire“ kündigt Geoff Tate den zunächst letzten und gleichzeitig wohl bekanntesten Song „Silent Lucidity“ an. Das unverkennbare Gitarrenmotiv des Songs, die ruhigeren, dunkleren Töne sowie die tiefe Stimmlage in den Strophen, die eher an Geoff Tates Sprechstimme erinnert, tun an der Stelle einfach mal gut. Dann verlassen Geoff Tate und seine Musiker kurz die Bühne, um dann tatsächlich nur noch einen einzigen Song „Take Hold to the Flame“ als Zugabe zu performen.

Punktabzug in der B-Note

Frei nach dem Motto “in der Kürze liegt die Würze“ ist somit der Hauptact nach rund 70 Minuten auch schon vorbei und ähnelt eher einem Kurzprogramm als einer Kür-Übung. Dafür gibt es von mir Punktabzug in der B-Note – da hatte ich mir ein wenig mehr erhofft und angesichts von über 45 Jahren im Musikbusiness auch erwartet.

Dennoch: es geht – nicht zuletzt auch dank zweier großartiger Support-Acts – ein rundum gelungener Abend zu Ende.

Setlist „Josh Watts” – liegt nicht vor

Setlist „Sons of Sounds

  1. Sound of Hope
  2. Forever
  3. Alive
  4. Valley of the Damned
  5. Time Machine
  6. Diamond
  7. The End of the Road
  8. Streetmutt
  9. Are You Ready

Setlist Geoff Tate“

  1. Empire 
  2. Dessert Dance
  3. I am I
  4. Sacred Ground
  5. Operation Mindcrime
  6. Breaking the Silence
  7. I don’t believe in Love
  8. NM 156
  9. Streaming in Digital
  10. Walk in the Shadows
  11. Another Rainy Night without You
  12. Jet City Woman
  13. Silent Lucidity

Encore

  1. Take Hold to the Flame