Judith Klein – Man stelle sich einmal folgendes Szenario vor: fünf Jugendfreunde gründen 1989 eine Garagenband, lösen sich 1996 auf, finden 2021 in Originalbesetzung wieder zusammen, veröffentlichen im selben Jahr ihr Debütalbum und markieren mehr als 30 Jahre nach Gründung ihren Durchbruch. In Hollywood entstehen aus solchen Geschichten Blockbuster – für die schwedische Band NESTOR ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Video: Nestor – Thank You! Summer 2025

Ich gestehe, dass auch ich sicherlich irgendwann mal auf einer Party mit Rockmusik vorrangig aus den 70ern und 80ern sehnsuchtsvoll-seufzend von mir gegeben habe, dass heutzutage niemand mehr noch „Musik wie damals“ macht. Allerdings wurde ich schon vor einer ganzen Weile eines Besseren belehrt, dass musikalisches Kleben in der Vergangenheit einerseits sicher und bequem aber andererseits auch ein wenig langweilig ist. Versteht mich richtig: auch ich liebe die musikalischen Heros meiner jungen Jahre, gleichwohl gibt es zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die es verdient haben, dass man sich mit ihrem musikalischen Schaffen auseinandersetzt.

Die fünfköpfige Band NESTOR wird musikalisch betrachtet dem Genre Melodic Rock, AOR und Hardrock zugeordnet. Während ihrer In the Name of Rock ’n‘ Roll-Tour waren sie in einigen Städten Deutschlands zu Gast, wenngleich auch nicht in unmittelbarer Nähe des Rhein-Main- bzw. Rhein-Neckar-Gebietes. Um den Schweden-Export einmal live zu erleben, ging es schlussendlich gut 200 km nach Köln in „Die Kantine“, einer Industrial-anmutenden Location nahe der Ford-Werke.

Nestor – Kids In A Ghost Town

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Der musikalische Abend beginnt pünktlich mit der Vorband, der schwedischen Rock-Kombo Ström. Die Band präsentiert ihre Songs auf Schwedisch, gleichwohl klingen diese wie eine nicht ganz so gut gelungene Kopie von AC/DC. Okay, ich bin auch kein besonders großer Fan des Originals und mir ist der Sound eindeutig zu schrill.

In the name of Rock ‘n‘ Roll – der Name ist Programm

Nach einer Umbaupause ist es so weit: NESTOR entert die Bühne und gibt mit We Come Alive die Marschrichtung vor, wohin sich der Abend entwickeln wird. Der Name ist Programm und es geht sprichwörtlich ein Ruck durch die Menge.

Die Band ist in einheitlichen, schwarzen Outfits, an denen sich rote Applikationen wie beispielsweise Fransen befinden, gekleidet. Zusammen mit dem Bühnenlicht entsteht dadurch ein rundherum stimmiges Bühnenbild.

Der Funke springt über

Über Kids in a Ghost Town geht es direkt zu der aktuellen Single In The Name of Rock ’n‘ Roll, dem Motto der Tour und des Abends. Eine Aufwärmphase oder ein langsames Annähern sind nicht erforderlich – der Funke springt direkt auf das Publikum über, was bei dem Song Perfect 10 (Eyes like Demi Moore) bereits Mitsingqualität beweist.

Dann wird es ruhiger und emotional als NESTOR mit Daughter eine wunderschöne Ballade, zunächst nur durch das Piano begleitet, anstimmt. Der Song handelt von der Beziehung eines Vaters zu seiner Tochter und es wird klar, dass der Frontmann den Song für seine eigene Tochter geschrieben hat. In diesem Moment glaube ich ihm jedes Wort, wenn er sie musikalisch auffordert, stark und selbstbewusst durchs Leben zu gehen und dabei immer auf seine bedingungslose Unterstützung zählen zu können. Inhaltlich wie musikalisch trifft mich das mitten ins Herz.

Soundtrack eines Actionstreifens

Die nächsten Stücke Last To Know, These Days, Signed in Blood und Unchain my Heart hätten auch aus dem Soundtrack eines Actionstreifens aus den 80er Jahren stammen können. Es ist keineswegs despektierlich gemeint, wenn ich bei den Songs den jungen Sylvester Stallone trainierend und boxend vor meinem Auge sehe.

Bemerkenswert ist, dass die Songs von NESTOR nahtlos einer Stilrichtung folgend dennoch alle unterschiedlich sind, wie Stone Cold Eyes, Caroline und Firesign eindrucksvoll beweisen. Generell fällt es mir schwer, ein ausgemachtes Highlight des Abends zu benennen, weil mich alle Stücke restlos begeistern. Allerdings zählt On the Run und Teenage Rebel zu meinen persönlichen Favoriten, was auch viele im Publikum so zu sehen scheinen: die Stimmung ist auf dem Höhepunkt! Daher passt es zur Dramaturgie des Abends, dass NESTOR mit 1989 den zunächst letzten Titel spielt, bevor sie sich zurückziehen. Nach einer kurzen Pause gibt die Band die beiden Zugaben Addicted To Your Love und Victorious zum Besten. Yes, Baby! Ein kurzweiliger Abend mit 17 Songs – einer besser als der andere – geht zu Ende.

Let the good times rock!

Fazit: Toto, Survivor, Whitesnake, Bon Jovi und Journey lassen schön grüßen! An alle, die die unverkennbare Stilrichtung jener Bands vermissen: ihr könnt mit dem Suchen aufhören. NESTOR bringt Euch genau den Sound der 80er Jahre und somit auch die Emotionen wieder, die ihr schon verloren glaubtet – mit großartigen Refrains, die zum Mitsingen einladen. Dabei beweist die Band auf eindrucksvolle und authentische Weise, dass nichts davon altbacken oder angestaubt klingen muss, sondern zeitgemäß und modern rüberkommt.

Nestor

Tobias Gustavsson (vocals)
Jonny Wemmenstedt (guitars)
Marcus Åblad (bass)
Martin Frejinger (keys)
Mattias Carlsson (drums)

Setlist 23.10.2025 „Die Kantine – Köln“

  1. We Come Alive (Teenage Rebel 2024)
  2. Kids in a Ghost Town (Kids in A Ghost Town 2021)
  3. In the Name of Rock ’n‘ Roll (Single 2025)
  4. Perfect 10 (Eyes Like Demi Moore) (Kids in A Ghost Town 2021)
  5. Daughter (Teenage Rebel 2024)
  6. Last to Know (Teenage Rebel 2024)
  7. These Days (Kids in A Ghost Town 2021)
  8. Signed in Blood (Kids in A Ghost Town 2021)
  9. Unchain My Heart (Kids in A Ghost Town 2021)
  10. Stone Cold Eyes (Kids in A Ghost Town 2021)
  11. Caroline (Teenage Rebel 2024)
  12. Firesign (Kids in A Ghost Town 2021)
  13. On the Run (Kids in A Ghost Town 2021)
  14. Teenage Rebel (Teenage Rebel 2024)
  15. 1989 (Kids in A Ghost Town 2021)

Encore

  1. Addicted to Your Love (Teenage Rebel 2024)
  2. Victorious (Teenage Rebel 2024)